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Gemeinsam MINT vermitteln

Gut 60 Unerschrockene trotzten am 5. Dezember Orkan 'Xaver' und kamen zur zweiten Fachtagung des MINTforum Hamburg auf das DESY-Gelände in Hamburg-Bahrenfeld. „Zwischen Schulalltag und Wissenschaft – Gemeinsam MINT vermitteln“ lautete das diesjährige Motto der Tagung, zu der die Initiatoren des Netzwerks – die Joachim Herz Stiftung, die Körber-Stiftung, die NORDMETALL-Stiftung und die Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) – gemeinsam mit dem DESY und den dort angesiedelten Schülerlaboren physik.begreifen und Light & Schools geladen hatten.

Erster Programmpunkt: Die Führungen durch das DESY-Schülerlabor „physik.begreifen“. Die Führung „Light & Schools“, ein Projekt des Instituts für Laser-Physik der Universität Hamburg, musste sturmbedingt ausfallen. Bei weniger widrigen Verhältnissen hätten die Teilnehmer einen Einblick in das mitten zwischen den Forschungslaboren des Institutes gelegene Schul-Laserlabor erhalten, in dem Mittel- und Oberstufenschülerinnen und Schüler mit großer Begeisterung Versuche rund um Licht, Laser und Optik durchführen. So aber hatte Dr. Axel Cholewa vom DESY-Schülerlabor die geballte Aufmerksamkeit der Teilnehmerrunde und freute sich über die zahlreichen Fragen. Etwa nach der Art der Experimente im Vakuumlabor für Schüler ab der 4. Klasse: „Wir erarbeiten das Thema spielerisch mit Glühdraht, Luftballons und Klingel.“ Oder Fragen nach dem Betreuungsschlüssel: „Pro Arbeitstisch für sechs Schülerinnen und Schüler steht jeweils ein Student bereit. Und der ist extra geschult, auf Fragen z. B. möglichst mit Gegenfragen zu reagieren. Denn was die Schüler selbstständig erarbeiten, bleibt besser haften.“ Die anwesenden Lehrkräfte fragten auch nach der nötigen Vorbereitung. „Im Vakuumlabor ist keine große Vorbereitung nötig. Für das Radioaktivitätslabor sollten die Schüler wissen, was Alphastrahlen sind, bzw. im Quantenlabor, was eine Welle ist. Aber diese Labore, wie auch das ‚E-Lab‘ in dem wir Experimente rund um das Elektron durchführen, richten sich auch an Oberstufenschüler.“

Zurück im Tagungsraum durften sich besonders die Lehrerinnen und Lehrer unter den Teilnehmern freuen: DESY-Direktor Prof. Dr. Joachim Mnich erklärte in seiner Begrüßungsrede, die Schlüsselfigur seiner Karriere sei sein ehemaliger Physiklehrer gewesen. „Lehrer spielen eine wichtige Rolle bei der Berufsentscheidung ihrer Schüler“. Im Anschluss begrüßte Dr. Britta Creutzburg-Ahnfeldt, Leiterin des Referats Mathematisch-naturwissenschaftlich-technischer Unterricht der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung, die Tagungsteilnehmer. Sie berichtete unter anderem über die Ergebnisse des jüngsten IQB Ländervergleichs. Ein Befund sei, dass Mädchen nach diesem IQB-Vergleich in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie deutlich schwächer als Jungen seien, was bei den Zuhörern Erstaunen hervorrief. Aber das gebe zumindest ein klares Argument an die Hand, um mehr politische Unterstützung für MINT-Projekte und außerschulische Lernorte zu bekommen, so die Referatsleiterin. Ingke Menzel vom MINTforum Hamburg rief dazu auf, die Veranstaltung auch zum Networking zu nutzen – eine Steilvorlage für Dr. Jörg Maxton-Küchenmeister. Der Programmleiter Naturwissenschaften bei der Joachim Herz Stiftung hatte sich für das allgemeine Kennenlernen etwas Besonderes einfallen lassen: Ein „Speed-Dating“. Im Dreiminutentakt schwang er die Glocke, die Teilnehmer rückten einen Platz vor und machten eine neue Bekanntschaft. So ging es sehr gelöst in die vier parallel verlaufenden Workshops.

Möglichkeiten und Hemmnisse der MINT-Vermittlung beschäftigten die Teilnehmer des Workshops „Gemeinsam MINT vermitteln in der Grundschule“, moderiert von Christiane Stork, Körber-Stiftung. Ein Problem, das Dr. Christiane Wasle vom Science Lab umtrieb: „Kinder haben so gut wie keine Zeit mehr, um im Freizeitbereich außerschulische Experimentierangebote wie die des Science-Lab zu nutzen. Gleichzeitig behindern die Rahmenbedingungen, wie etwa die sparsame Finanzierung des nachmittäglichen Betreuungs- und Bildungsangebotes, den Spielraum für Schulen, naturwissenschaftliches Experimentieren mit externen Partnern in die Schule zu holen.“ Schulerfahrungen brachten Lehrer der Max Brauer Schule, der Schule auf der Veddel sowie der Grundschule Heidacker ein. Problemen wie mangelnde Finanzierung, ein zu schlechter Betreuungsschlüssel durch ausgebildete Fachkräfte und Raumnot standen positive Erfahrungen mit Forscherkisten für das Nachmittagsangebot, regelmäßige Experimentierangebote seitens Studierender naturwissenschaftlicher Disziplinen und eine denkbare Einbeziehung auch fachfremder Lehrer gegenüber. Der MINT-Tag 2012 habe immerhin gezeigt, dass es grundsätzlich eine Bereitschaft für fachübergreifende Angebote gebe, so Christiane Stork. Abschließend formulierte Wünsche reichten von einer stärkeren Unterstützung seitens der Schulbehörde über einen MINT-Koordinator an jeder Schule bis hin zu einer Art Qualitätssiegel der BSB.

Im Workshop Rahmenbedingungen für außerschulische Aktivitäten in G8 wurde zunächst die Problematik der Arbeitsverdichtung durch G8 beleuchtet, die es zunehmend schwierig mache, außerschulische Angebote zu nutzen. Von wachsender Bedeutung seien daher „mobile Angebote oder Angebote in räumlicher Nähe, so dass nach Möglichkeit nur die Zeiten des jeweiligen Fachunterrichts genutzt werden“, erläuterte Moderatorin Ingke Menzel vom Gymnasium Oldenfelde/BSB. Rainer Hencke vom Gymnasium Grootmoor und Karen Ong vom DESY Schülerlabor physik.begreifen sorgten mit ´Inneneinsichten` für eine lebendige Diskussion. „Exkursionen sollten sowohl von Seiten der Schulleitungen als auch von allen Kollegen als wertvolle Bereicherung angesehen werden und die initiierenden Kollegen Wertschätzung erfahren“, so Menzel. Um dies zu erreichen, wurden verschiedene Ansätze formuliert, etwa die Anrechnung von Arbeitszeit für die Projekt-Koordination mit außerschulischen Partnern oder die Ausschreibung von A14-Stellen für solche Koordinationsaufgaben. Als Herausforderung wurden dabei die schulischen Rahmenbedingungen betont, sowohl die ´politisch gesetzten`, wie Lehrerarbeitszeit, Zentralabitur oder G8, als auch die innerschulischen. Dazu zählen etwa die flexibilisierte Stundentafel durch den Wahlpflichtunterricht oder die Integration von Wettbewerben. „Vor allem aber hat unser Workshop ergeben: Motivation trägt!“, betont Menzel. „Die Lehrer müssen gut auswählen, welche Angebote wirklich motivierend sind, dann bringt es allen Spaß und der Organisationsaufwand lohnt sich.“

Dr. Jenny Koppelt von der Joachim Herz Stiftung moderierte den Workshop „Strategien zur Begabtenförderung“. Gemeinsam mit Lehrkräften und Vertretern außerschulischer Lernorte diskutierten Dr. Sven Baszio von der Stiftung Jugend forscht, Annette Bock, Koordinatorin der Robotikkurse an der TU Hamburg-Harburg, Angela Meyer zu Rheda vom Gymnasium Rissen sowie Jan Kwietniewski und Heike Elvers vom LI Hamburg, wie begabte Kinder und Jugendliche im schulischen und außerschulischen Rahmen gefördert werden können. Dazu berichteten die eingeladenen Gäste aus ihrer Praxis und gaben Hinweise, wie ihre Erfahrungen andernorts umgesetzt werden könnten. Wesentliches Ergebnis des Workshops war, dass sich die Förderung nicht allein auf besonders Begabte beziehen dürfe, sondern sich vor allem an grundsätzlich interessierte Schülerinnen und Schüler wenden müsse. Darüber hinaus liege es vor allem an den betreuenden Lehrkräften, die Schülerinnen und Schüler überhaupt erst einmal für MINT-Themen zu begeistern, so Tenor der Workshoprunde. Die Lehrkraft sei es wohl auch, die einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg der Schülerinnen und Schüler bei Wettbewerben wie Jugend forscht leiste. Besonders schwierig sei dabei, dass sich die Lehrkräfte in die verschiedensten Themen einarbeiten müssten, um eine adäquate Betreuung zu gewährleisten. Wünschenswert wäre daher eine zentrale Stelle (in Hamburg), an die sich die Schülerinnen und Schüler bzw. deren Lehrkräfte zur Unterstützung wenden könnten.

In „Wir basteln unser Wunsch-Schullabor“, moderiert von „Light & Schools“-Koordinatorin Dortje Schirok, wurde in Kleingruppen der Frage nachgegangen: Wie müsste ein Schullabor aussehen, damit es optimal in den Schulalltag der Klassen 5 bis 8 einzubinden ist? „Als Ergebnis gab es einige spannende Konzept-Ideen wie etwa eine Nachmittags-AG an Schulen oder der Universität anzubieten oder die Einrichtung von themenorientierten Klassen, wie einer naturwissenschaftlichen Klasse 5, bei der regelmäßige Besuche von außerschulischen Lernorten an der Tagesordnung sind“, erläuterte Schirok. Aber auch Material vom Schullabor für eine Anbindung an das Curriculum wurde gewünscht oder eine Kombination aus Schullaborbesuch und Besuch des Schullabors in der Schule angedacht, „beispielsweise für eine Anfangs- bzw. Abschlussveranstaltung“.

Bevor nun die zahlreichen guten Ideen im abschließenden Get together weiter diskutiert wurden, gab es noch zwei Informationen des MINTforum Hamburg, die in die Zukunft weisen: Julia André (Körber-Stiftung) wies auf den nächsten MINT-Tag im November 2014 hin. „Der letzte war ein großer Erfolg: Über 100 Schulen und außerschulische Einrichtungen aus ganz Hamburg waren dabei.“ Und Matthias Mayer von der Körber-Stiftung stellte als aktuelles Projekt des MINTforum den hamburgweiten MINT-Monitor vor, der sowohl einen Überblick der aktuellen Angebote geben als auch qualitative Daten ermitteln soll: „Wie viele Schülerinnen und Schüler erreichen die Angebote? Sind sie z. B. curricular eingebunden? Gibt es möglicherweise begleitende Fortbildungen für Lehrkräfte?“ Das MINTforum wendet sich derzeit an alle Lehrerinnen und Lehrer im Verteiler und befragt gleichzeitig die außerschulischen Lernorte. Die Daten werden anonym ausgewertet und allen Partnern im MINTforum im Laufe des kommenden Jahres zugänglich gemacht.