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MINT-Bildung in ihrer ganzen Breite

Foto: MINTforum Hamburg/Claudia Höhne
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MINT-Kompetenz – kein angeborenes (Un)Vermögen, sondern erlerntes Verhalten!

„MINT-Bildung in ihrer ganzen Breite – von der Grundschule bis zum Übergang an die Uni“ lautete das Motto der 3. MINTforum-Fachtagung am 26. März 2015 an der Technischen Universität Hamburg Harburg.

Schuss – und Tor! Dabei hatte sich der Torwart redlich bemüht, war jedoch tragisch gestürzt. Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 3. MINTforum-Fachtagung jedoch entzückte: Eine rasche Abfolge schwungvoller Bewegungen und schon stand er wieder – der NAO. An dem humanoiden Roboter erproben Studierende der TUHH ihre Programmierkenntnisse. In Zukunft werden die kickenden Roboter möglicherweise auch die Technikbegeisterung von Schülerinnen und Schülern wecken. Das geschieht entweder in wöchentlichen, in den Unterricht integrierten Robotikkursen in den Schulen oder auch in Kursen an der TUHH. „Manche Schüler kommen seit Jahren und wechseln dann nahtlos ins Studium“, erzählt Student Finn Poppinga.

Das wäre dann der Idealkurs und entspräche ganz dem Motto der diesjährigen Tagung: „MINT-Bildung in ihrer ganzen Breite – von der Grundschule bis zum Übergang an die Uni“, zu der am 26. März 2015 gut 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die TUHH kamen. Denn zwar gäbe es zahlreiche außerschulische Angebote für Oberstufen, „doch wir wollen die gesamte Bildungskette im Blick behalten und bewusst früh damit beginnen“, erklärte Jörg Maxton-Küchenmeister, Programmleiter Naturwissenschaften der Joachim Herz Stiftung, bei der Begrüßung.

Wie sich die Neugier der Kinder am experimentellen Forschen schon früh wecken lässt, zeigte der Workshop „MINT-Bildung in der Grundschule & Unterstufe“, der sich mit vier Angeboten zum forschenden Lernen für die Klassenstufen 3 bis 6 beschäftigte. Moderiert von Julia Husung und Gesine Liese berichteten die „Kinderforscherinnen“ der TUHH zunächst von ihren selbst entwickelten Experimentierboxen, die Schülerinnen und Schülern jahrgangsübergreifend das „Recherchieren – Experimentieren – und Präsentieren“ nahebringen, und zwar anhand von Fragestellungen wie: „Können Enten in Sand schwimmen?“ oder „Wie ärgern Enzyme in der Küche?“ Anschließend stellte Dr. Bettina Schmidt das Fortbildungsangebot der deutschlandweiten Initiative „Das Haus der kleinen Forscher“ vor. In den Workshops für pädagogische Fachkräfte aus Kita, Hort und Grundschule ginge es neben der Vermittlung erster naturwissenschaftlicher Kompetenzen „um sprachliche und soziale Kompetenzen sowie um das Empfinden der Selbstwirksamkeit“, so Schmidt.

Mit Fragen wie „Warum ist das Meer so salzig?“ oder „Wie kann man Schall sichtbar machen?“ beschäftigen sich die Forscherprojekte des „Science-Labs“ für Kindertagesstätten, Grund- und weiterführende Schulen. „Zum Angebot gehören Halbjahreskurse für Kinder, Experimentiertage und Ferienprogramme, aber auch Eltern-Kinder-Workshop“, skizzierte Dr. Sabine Richter. Und schließlich stellte Professorin Kerstin Michalik von der Universität Hamburg das Pilotprojekt „TuWas!“ des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, der Freien Universität Berlin und der NORDMETALL-Stiftung vor. In der zweijährigen Pilotphase erhalten Lehrerinnen und Lehrer von zehn Hamburger Grundschulen Fortbildungen und Experimentiermaterial zu Themen aus Physik, Technik, Chemie und Biologie. Das Ziel: „Kinder sollen eigene Hypothesen formulieren, Protokolle führen, Tabellen erstellen und Forschungstagebücher führen, beispielsweise zum Lebenszyklus eines Schmetterlings.“

Ist die Lust der Kleinen an Naturwissenschaft und Technik geweckt, ebnet das den Weg in entsprechende Oberstufenprofile. Und die erfreuen sich wachsender Nachfrage, erklärte Sabine Fernau, Geschäftsführerin der Initiative NAT. „Fast 20 % der Schüler eines Jahrganges belegen heute ein naturwissenschaftlich-technisches Profil. Als die NAT 2007 angefangen hat, waren es 9%. Aber: Während wir von 25 bis 30% der Jungen sprechen, sind es nur 5 bis 10% der Mädchen.“ Dem wirkt das 2013 gestartete NAT-Programm mint:pink entgegen. Durch Sensibilisierung von Lehrern einerseits und Begeisterung der Schülerinnen durch Programmtage in Unternehmen und Hochschulen andererseits konnte das angestrebte Ziel „Fünf Mädchen ins NAT-Profil“ (so der Titel des Gesamtprojektes) erreicht werden.

Nicht nur mint:pink zeigt, die Mühe lohnt sich. Praktische Tipps für alle, die sich in der MINT-Förderung engagieren wollen, hielt Dr. Ulrike Struwe parat. Zunächst aber konnte die Leiterin der Geschäftsstelle „Komm mach MINT“ des Nationalen Pakts für Frauen in MINT-Berufen berichten: „Niemals zuvor haben mehr Frauen ein Ingenieurstudium begonnen.“ Es seien deutliche Fortschritte hinsichtlich der Anzahl von weiblichen Studierenden in naturwissenschaftlich-technischen Fächern zu verzeichnen. Leider sehe das bei der dualen Berufsausbildung anders aus. Während sich bei den Jungen sechs Berufe mit naturwissenschaftlichem Kontext in den Top10 der beliebtesten Ausbildungen finden, steht bei den Mädchen mit „Mediengestalter für Digital und Print“ der erste technikorientierte Beruf erst auf Platz 20. Und das wohl auch nur dank des Zauberwortes „Gestalter“.

Struwe betonte die Wirkung von Begrifflichkeiten: Während sich Jungen durch Worte wie „Bau“, „Industrie“ und „Elektro“ angesprochen fühlten, sprächen Mädchen auf „Gestaltung“, „Medien“ und „Design“ an. „Die Genderaspekte in der Berufsfindung sind wesentlich.“ Deshalb sei die gendersensible Ansprache in Projekten ebenso wichtig wie monoedukative Angebote, weibliche und männliche Role Models, aber auch die Einbindung der Eltern als eigene Zielgruppe. Denn MINT-Kompetenz sei kein angeborenes (Un)Vermögen, sondern erlerntes Verhalten. „Jungen wird häufiger geraten, einen MINT-Beruf zu ergreifen, Mädchen dagegen sogar abgeraten, so die Soziologin“

Doch auch mit einem unterstützenden Umfeld gelingt der Sprung von der Schule in die Hochschule nicht immer, wie die Abbrecherquoten gerade in naturwissenschaftlich-technischen Studienfächern belegen. Sind Schüler vielleicht nicht gut genug aufs Studium vorbereitet? Im Workhop „Individualisierte Angebote der Hochschulen für interessierte Schüler/innen der Oberstufe“ ging es kontrovers her. Moderiert von Dr. Rolf Janßen, TUHH, und Dipl.-Ing. Susanne Nöbbe, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, wurde das Für und Wider des Frühstudiums diskutiert, aber auch ausgelotet, wie sich Schnupperangebote noch zielgerichteter für interessierte Schülerinnen und Schüler gestalten lassen. Vielleicht mit Vorlesungen extra für die Zielgruppe? „Wenn es ausreichend Nachfrage an einem von uns bereits bestehenden Angebot gibt, sind wir dafür offen“, versprach Dr. Rolf Janßen. Und Susanne Nöbbe betonte, auf Anfrage erhielten interessierte Schüler gern Einblick in HAW-Seminare oder -Vorlesungen.

„Mädchen und Jungen für MINT begeistern“ lautete der Titel eines weiteren Workshops, den Christiane Stork von der Körber-Stiftung moderierte. Henning Haschke erzählte von den Robotik-Angeboten der TUHH, Andreas Spangenberg vom Matthias-Claudius-Gymnasium gab Einblick in die Teilnahme seiner Schülerinnen an dem Programm mint:pink und Dortje Schirok, Koordinatorin des Schullabors Light & Schools, berichtete über ihre Angebote. „Ein wesentliches Ergebnis unseres Workshops: Gerade im koedukativen Kontext müssen wir ein stärkeres Augenmerk auf die Auswahl der Themen lenken, sie müssen alltagsrelevant sein, ihr Sinnkontext für die Gesellschaft muss deutlich werden. Dann erreichen wir Mädchen besser und auch Jungen fühlen sich angesprochen“, so Christiane Stork.  Ingke Menzel von der Behörde für Schule und Berufsbildung moderierte den Workshop „Von Schulen für Schulen“, in dem Maren Hartwig von der Erich Kästner Schule den NW-Unterricht an ihrer Grund- und Stadtteilschule mit Fokus auf Mittelstufe vorstellte. Fachübergreifendes, kompetenzorientiertes und individualisiertes Lernen steht bei der 2014 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Schule im Mittelpunkt.

„In allen Workshops wurde angeregt, manchmal auch kontrovers, auf jeden Fall mit viel Engagement diskutiert“, fasste Peter Golinski von der NORDMETALL-Stiftung schließlich zusammen. Und dann gab es noch eine letzte frohe Botschaft, bevor das Netzwerken und der Austausch bei einem Imbiss fortgesetzt wurde: Die Vereinbarung der Partner Körber-Stiftung, Joachim-Herz-Stiftung, Nordmetall-Stiftung und Behörde für Schule und Berufsbildung zur Kooperation im MINTforum Hamburg wird für weitere drei Jahre verlängert und Dr. Stephanie Kowitz-Harms als Koordinatorin für das Netzwerk eingesetzt – was mit ausgiebigem Beifall quittiert wurde.

 

Weitere Informationen zum Download:

Vortrag von Dr. Ulrike Struwe "Mädchen und Jungen für MINT begeistern"

Präsentation zum Workshop "Mädchen und Jungen für MINT begeistern"

Präsentationen zum Workshop "MINT-Bildung in der Grundschule und Unterstufe"